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Wachsend werden: Pflanzenwesen und der mittelalterliche Mensch in Sir Orfeo

Wachsend werden: Pflanzenwesen und der mittelalterliche Mensch in Sir Orfeo

Wachsend werden: Pflanzenwesen und der mittelalterliche Mensch in Sir Orfeo

Von Scott Russell

Masterarbeit, University of British Columbia, 2019

Abstract: Im Mittelenglischen Breton Lay Sir Orfeo, der gleichnamige Held beschreibt den Wahnsinn seiner Frau als "wyld and wode" (wild und hölzern). Das Gedicht ist eine Adaption des Orpheus-Mythos im populären Romantik-Genre und erzählt von der Entführung der Königin durch einen Feenkönig aus einem thrakischen Obstgarten und der anschließenden Abdankung ihres Mannes vom Thron und seiner Rückkehr auf den Thron. Bestehende Herangehensweisen an das Gedicht verbinden typischerweise Heurodis 'Wahnsinn und das anschließende Schweigen mit nichtmenschlichen Welten, übersehen jedoch Orfeos Immunität gegen die Berührung des Wahnsinns. Andere Paradigmen verstehen Wahnsinn als dämonischen Besitz. Obwohl diese Lesarten empfindlich auf den Zusammenhang zwischen Wahnsinn und Entmenschlichung reagieren, vernachlässigen sie die ungleiche Aufteilung des hölzernen Wahnsinns zwischen Heurodis und Orfeo. Die Kategorisierungscodes des Gedichts, die sich auf menschlich-botanische Räume und Körper stützen, laden dabei zu ökokritischen Fragen nach den Prinzipien der Teilung und Identität ein, die Heurodis 'Wahnsinn als nichtmenschliches Wesen hervorrufen.

Daher untersuche ich, wie literarische Vorstellungen von Wahnsinn als Pflanzenart die mittelalterlichen Konzepte der Menschlichkeit testen, indem ich das „Gedeihen“ der verrückten Pflanzenfrau und der nichtmenschlichen Wesen erläutere, die an den Peripherien der mittelalterlichen Gesellschaft zusammenleben. Ich argumentiere, dass ich einen postumanistischen Rahmen einsetze, der auf kritischen Pflanzenstudien und der deleuzo-guattarischen Philosophie beruht Sir Orfeo stellt den Wahnsinn als Zeichen der Möglichkeit der Gemeinschaft an und jenseits der Grenzen der menschlichen Kategorie dar. Bei dieser Analyse entwickle ich ein Bild des Pflanzenlebens, das als Verschwörung von Pflanzen bezeichnet wird und durch das die oben genannte Gemeinschaft sowohl als Begrüßung (des Exils) als auch als Bedrohung für konventionelle Hierarchien der mittelalterlichen Gesellschaft verstanden wird.

Wenn ich mich Orfeos und Heurodis 'Antwort auf ihre Erfahrung zuwende, zeige ich, dass der „Mensch“ dennoch ein Gegenstand voller Anhaftung für diese Charaktere bleibt. Obwohl beide die Menschheit als Dialog mit dem Nichtmenschen erleben, betrachtet Heurodis die Menschlichkeit als eine vorläufige Strategie, um ihre Erfahrung im Obstgarten zu verstehen, während Orfeo auf der Überzeugung besteht, dass der Mensch ein möglicher, erreichbarer Zustand ist. Letztendlich ist die Menschlichkeit des Gedichts eher auf Ambivalenz als auf feste Zugehörigkeits- oder Exilgefühle ausgerichtet.

Bild oben: Die erste Seite von Sir Orfeo aus dem Manuskript von Auchinleck


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